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Grundlagen für Klinik und Praxis
Von Dirk Manski

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Vorzeitige Ejakulation (frühzeitiger Samenerguss)

Definition der vorzeitigen Ejakulation

Der vorzeitige Samenerguss (\textsl{Ejaculatio praecox}) geht einher mit einem ungewollten vorzeitigen Samenerguss vor oder nach minimaler sexueller Stimulation, dies führt zu Krankheitsgefühl bei dem Patienten und ggf. zu Störungen in der sexuellen Beziehung. Es existieren mehrere Definitionen; klinisch zentral sind folgende Komponenten:

Epidemiologie der Ejaculatio praecox

Die Prävalenz bei sexuell aktiven Männern beträgt nach leitliniennahen Kriterien etwa 3–6 %, Die Häufigkeit der Ejaculatio praecox ist in allen Altersgruppen vergleichbar groß.

Ursachen der vorzeitigen Ejakulation

Psychogene Ursachen:

Angst, Leistungsdruck, unzureichene Kommunikation zwischen den Partnern, ungünstig erlernte sexuelle Muster, geringe Erfahrung mit Ejakulationskontrolle sowie partnerschaftliche oder psychodynamische Faktoren.

Körperliche Ursachen:

Penile Hypersensitivität, serotonerge Dysregulation mit veränderter 5-Hydroxytryptamin-(5-HT)-Rezeptor-Sensitivität, erektile Dysfunktion, chronische Prostatitis, LUTS und Hyperthyreose sind relevante Begleitfaktoren.

Klinik der Ejaculatio praecox

Der klinische Verlauf der Erkrankung ist variabel. Es wird zwischen einer lebenslangen (primären) Ejaculatio praecox und einer erworbenen (sekundären) Form unterschieden. Die lebenslange Form beginnt meist mit den ersten sexuellen Erfahrungen und bleibt situationsübergreifend bestehen; die erworbene Form tritt nach einer Phase unauffälliger Ejakulationskontrolle auf und erfordert die Suche nach behandelbaren Auslösern.

Diagnostik der vorzeitigen Ejakulation

Anamnese:

Die Diagnose der Ejaculatio praecox wird primär klinisch gestellt. Die Sexualanamnese erfasst Beginn, Dauer, IELT, Kontrollverlust, Leidensdruck, partnerschaftliche Beeinträchtigung, Situationsabhängigkeit, Masturbationsverhalten, bisherige Techniken sowie Medikamente, Alkohol- und Substanzgebrauch.

Weitere Untersuchungen:

Eine fokussierte körperliche Untersuchung und weitere Diagnostik erfolgen bei Hinweisen auf erworbene Ursachen oder Komorbiditäten, insbesondere erektile Dysfunktion, Prostatitis, LUTS, Hyperthyreose und neurologische Erkrankungen. Routinemäßige Laboruntersuchungen oder Bildgebung sind nicht erforderlich.

Therapie der vorzeitigen Ejakulation

Therapieziele sind eine Verlängerung der Latenzzeit, bessere Ejakulationskontrolle, Reduktion des Leidensdrucks und Verbesserung der sexuellen Zufriedenheit. Bei erworbener Ejaculatio praecox sollen auslösende oder begleitende Erkrankungen zuerst behandelt werden.

Sexualtherapie:

Vorteile der Sexualtherapie sind fehlende pharmakologische Nebenwirkungen, eine verbesserte Kommunikation der Sexualpartner und potenziell eine befriedigendere Partnerschaft über die Behandlung der Ejaculatio praecox hinaus. Nachteile sind die verzögerte und inkonstante Wirkung, der personelle und finanzielle Aufwand sowie die häufig notwendige Kooperation des Partners.

Stop-Squeeze Methode [Masters und Johnson 1970]:

Kurz vor der Ejakulation wird die sexuelle Stimulation durch eine Kompression der Glans penis ersetzt, bis der Ejakulationsdrang nachlässt. Danach wird die sexuelle Stimulation fortgesetzt.

Stop-Pause Methode [Kaplan 1983]:

Kurz vor der Ejakulation wird die sexuelle Stimulation ausgesetzt, bis der Ejakulationsdrang nachgelassen hat und eine weitere sexuelle Stimulation ohne Ejakulation möglich ist.

Lokale Therapie der vorzeitigen Ejakulation:

Topische Lokalanästhetika (z. B. Lidocain oder Lidocain-Prilocain Kombination) senkt die Hypersensitivität des Penis. Applikation 5–30 min vor dem Geschlechtsverkehr, ggf. in Kombination mit einem Kondom (Busato u.a., 2004).

Pharmakologische Therapie der vorzeitigen Ejakulation:

Eingesetzt werden Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), trizyklische Antidepressiva, Phosphodiesterasehemmer und Off-Label-Optionen. Dapoxetin ist als kurz wirksames SSRI in vielen europäischen Ländern für die Bedarfsmedikation zugelassen; andere SSRI und Clomipramin werden bei dieser Indikation überwiegend Off-Label eingesetzt (Porst et al., 2010).

Dapoxetin:

Dapoxetin ist ein kurzwirksames SSRI und ist als Bedarfsmedikation zugelassen. Dosierung 30 mg 1–3 h vor geplanter sexueller Aktivität, maximale Einnahmefrequenz 1×/d. Bei fehlender Wirksamkeit und guter Verträglichkeit kann auf 60 mg erhöht werden. Die Zulassungsstudie schloss 1162 Patienten ein (n=385 Placebo, n=388 mit 30 mg Dapoxetin und n=389 mit 60 mg Dapoxetin) [Buvat u.a., 2009]: ausgehend von einer IELT von etwa 1 Minute zu Beginn der Studie wurden nach 24 Wochen eine IELT von 1,9 min (Placebo), 3,2 min (30 mg Dapoxetin) und 3,5 min (60 mg Dapoxetin) gemessen. Pharmakologie und Nebenwirkungen von Dapoxetin.

Paroxetin:

Paroxetin ist ein langwirksames SSRI. Dosierung täglich 20–40 mg. Wirkungseintritt nach 1–2 Wochen.

Fluoxetin:

Fluoxetin ist ein langwirksames SSRI. Dosierung täglich 20–40 mg. Wirkungseintritt nach 1–2 Wochen.

Clomipramin:

Clomipramin ist ein trizyklisches Antidepressivum, Dosierung 10–50 mg 5 h vor dem Geschlechtsverkehr.

Phosphodiesterase-5-Hemmer:

Phosphodiesterase-5-Inhibitoren sind indiziert bei Patienten mit einer erektilen Dysfunktion, diese kann auch ursächlich für den vorzeitigen Samenerguss sein. PDE-Hemmer haben aber keinen direkten Einfluss auf die IELT. Aber sie verbessern die erektile Funktion und ermöglichen häufig sexuelle Aktivität nach der ersten Ejakulation. Die zweite IELT ist oft länger und somit ist die Medikation auch ohne ED hilfreich und verbessert das sexuelle Erleben.

Tramadol:

Tramadol zeigt nicht nur Aktivität am Opioidrezeptor, sondern beeinflusst auch das cholinerge und serotonerge Nervensystem. In einer randomisierten Phase III-Studie (Bar-Or u.a., 2012) konnte mit 62 mg Tramadol die IELT um 1,2 min verlängert werden (vs. 0,6 min bei Placebogabe). Die Verträglichkeit war gut. Angesichts des Suchtpotentials kann vor einer regelmäßigen Anwendung jedoch nur gewarnt werden.






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Literatur

AUA, “Guideline: Disorders of Ejaculation,” 2020. [Online]. Available: https://www.auanet.org/guidelines-and-quality/guidelines/disorders-of-ejaculation.

S. E. Althof. Prevalence, characteristics and implications of premature ejaculation/rapid ejaculation.
J Urol, 175 (3 Pt 1): 842–848, Mar 2006.

Bar-Or, D.; Salottolo, K. M.; Orlando, A.; Winkler, J. V. & Group, T. O. S. A randomized double-blind, placebo-controlled multicenter study to evaluate the efficacy and safety of two doses of the tramadol orally disintegrating tablet for the treatment of premature ejaculation within less than 2 minutes.
Eur Urol, 2012, 61, 736-743.

Buvat, J.; Tesfaye, F.; Rothman, M.; Rivas, D. A. & Giuliano, F. Dapoxetine for the Treatment of Premature Ejaculation: Results from a Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Phase 3 Trial in 22 Countries.
Eur Urol, 2009.

EAU-Guidelines: Sexual and Reproductive Health

H. Porst et al., “Baseline characteristics and treatment outcomes for men with acquired or lifelong premature ejaculation with mild or no erectile dysfunction: integrated analyses of two phase 3 dapoxetine trials.,” J Sex Med., vol. 7, no. 6, pp. 2231–2242, 2010.

  English Version: Premature ejaculation

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