Dr. med. Dirk Manski

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Urin-Untersuchung (1/4)

Urinsediment

Technik des Urinsediments

Zunächst makroskopische Betrachtung der Urinfarbe. Danach werden 12 ml Urin 5 min mit 400 g zentrifugiert, 11,5 ml werden abpipettiert und der Schleudersatz durch manuelles Schütteln resuspendiert. Ein Tropfen wird auf einen Objektträger gebracht und mit einem Deckglas abgedeckt. Das Urinsediment wird mit 400facher Vergrößerung betrachtet.

Differentialdiagnose des Urinsediments

Urinverfärbungen:

Hämaturie und Mikrohämaturie:

Die Mikrohämaturie ist mit >5 Erythrozyten pro Gesichtsfeld definiert. >20 Erythrozyten pro Gesichtsfeld charakterisiert eine ausgeprägte Mikrohämaturie. Differentialdiagnose siehe Kapitel (Mikro)-Hämaturie .

Leukozyturie:

Leukozyten >15 pro Gesichtsfeld: Harnwegsinfektion, Urogenitaltuberkulose, Nephrolithiasis, Fremdkörper ...

Harnzylinder:

Harnzylinder sind Eiweißausgüsse> der Sammelrohre und distalen Tubuli, weitere Klassifikation unter Berücksichtigung des Einschlusses verschiedener Zellen (Erythrozyten, Leukozyten oder Tubulusepithelien). Zylinder im Urinsediment mit Zelleinschlüssen sprechen für eine renale (v. a. entzündliche) Parenchymerkrankung. Die Degeneration der zellulären Einschlüsse führt zu Wachszylindern und granulierten Zylindern. Azelluläre (hyaline) Zylinder im normalen Urin sprechen für eine verminderte Flüssigkeitszufuhr.

Kristalle im Urin:

Zahlreiche verschiedene Urinkristalle können im Urin von Gesunden oder von Steinpatienten identifiziert werden [Abb. Calciumoxalat Urinkristalle]. Die Identifizierung von Zystinkristallen (fünf- bis sechseckige Kristalle) ist wichtig, da sie pathognomonisch für eine Zystinurie sind.


Calciumoxalat-Kristalle im Urinsediment: links unten in der Monohydrat-Form, rechts mehrere oktahedrale Dihydrat-Kristalle. Mit freundlicher Genehmigung, Alica Mayr, Augsburg.
Abbildung Calciumoxalat-Kristalle im Urinsediment

Bakterien im Urin:

im frisch verarbeiteten, sauber gewonnen Urinsediment sind Bakterien pathologisch und sprechen für eine Harnwegsinfektion.

Urinuntersuchung per Teststreifen

Normwerte der Teststreifenuntersuchung siehe Tab. Normwerte der Urinteststreifen. Im Screeningverfahren ist die Teststreifenuntersuchung aufgrund zusätzlicher Parameter dem Urinsediment überlegen.

Normbereiche für die Untersuchung des Urinsediments mit Teststreifen mit Testprinzip, möglichen Einflussgrößen und Störfaktoren (Roche 2014).
Testwert Normbereich Testprinzip Einflussgrößen und Störfaktoren
Erythro- zyten <5/μl Peroxidase-Aktivität des Hämoglobins Falsch-negativ d. Vitamin C. Falsch-positiv durch Myoglobinurie, stark oxidierende Reinigungsmittel, Kontamination durch Menstruationsblut, ausgeprägte Leukozyturie, hohe körperliche Aktivität.
Leuko- zyten <10/μl Esterase-Aktivität der Granulozyten Falsch-positiv d. Kontamination von vaginalen Leukozyten, Urinverfärbung, Antibiotika. Falsch-negativ d. starke Proteinurie, Glukosurie, Medikamente wie Cephalexin, Gentamycin oder ACE-Hemmer.
pH-Wert Morgenurin 5--6, im Tagesverlauf große Schankungen Kombination v. Indikator- farbstoffen Falsch-hohe Werte bei altem Urin. Saurer pH bei proteinreicher Ernährung, basischer pH bei vegetarischer Ernährung. Desinfektionsmittel beeinflussen pH-Messung stark.
Protein <10 mg/dl Eiweißfehler von pH-Indikatoren Keine Erfassung der Mikroalbuminurie. Falsch-positiv d. Ejakulatreste, Desinfektionsmittel, körperliche Aktivität, Schwangerschaft, Nitrofurantoin.
Glukose <20 mg/dl (<1,1 mmol/l) im Nüchtern-Morgenurin Glucoseoxidase-Peroxidase-Reaktion, gekoppelt mit Farbstoff Falsch-negativ d. Vitamin C, reduzierende Stoffe (z.B. Nitrofurantoin) oder Bakteriurie. Falsch-positiv d. Reinigungsmittel, Fieber, MESNA.
spez. Gewicht 1,003–1,030 g/ml Urinionen und komplexbildende Reagenz setzen Protonen frei Falsch-niedrig bei Urin-pH $>$\,7. Falsch-hohe Werte d. Proteinurie und Ketonurie.
Nitrit negativ Farbstoffreaktion mit Nitrit Falsch-positiv bei altem Urin. Falsch-negativ bei nichtnitratabbauenden Bakterien, hohe Urinverdünnung und kurze Verweilzeit des Urins in der Harnblase, Antibiotikatherapie, gemüsefreie Diät.
Ketone negativ Farbstoffreaktion mit Acetessigsäure und Aceton (Legal'scher Nachweis) Falsch-positiv durch z.B. Captopril, Imipenem, MESNA oder Fieber.
Uro- bilinogen negativ (<1 mg/dl) Farbstoffreaktion mit Urobilinogen Falsch-negativ bei posthepatischem Ikterus.

Differentialdiagnose Urin-Teststreifen-Untersuchung:

(Mikro)-Hämaturie:

Erythrozyten: >5 pro Gesichtsfeld, >20 ist eine ausgeprägte Mikrohämaturie. Differentialdiagnose siehe Kapitel (Mikro)-Hämaturie .

Spezifisches Gewicht:

Anzeige des Konzentrationsgrades des Urins zur Überwachung der Flüssigkeitsaufnahme und eine wichtige Hilfe für die Teststreifeninterpretation. Bei stark konzentriertem Urin sind falsch-positive Testergebnisse möglich. Bei stark verdünntem Urin sind auch grenzwertige Testergebnisse relevant.

Leukozyturie:

Leukozyten >15 pro Gesichtsfeld: Harnwegsinfektion, Urogenitaltuberkulose, Nephrolithiasis, Fremdkörper ...

Alkalischer Urin:

ureasespaltende Bakterien (Proteus), renale tubuläre Azidose, nach einer grossen Mahlzeit, alter Urin.

Saurer Urin:

Patienten mit Harnsäure- oder Cysteinsteinen.

Glukosurie:

Eine Glukosurie ist immer verdächtig auf einen Diabetes mellitus, da die Teststreifen erst ab 50 mg/dl reagieren. Differentialdiagnosen: renale Glukosurie, orale Therapie des Diabetes mellitus mit SGLT-2-Hemmer (z.B. Dapagliflozin).

Ketonurie:

Die Ketonurie entsteht bei einer Ketoazidose (Diabetes mellitus), Hunger, Erbrechen, postoperativ oder anderen katabolen Stoffwechselsituationen.

Proteinurie:

>30 mg/ml. Differentialdiagnose siehe Kapitel Proteinurie .

Nitrit positiv:

Hinweis für eine Bakteriurie (>100 000 Keime/ml), falsch negativ bei nicht Nitrit-produzierenden Bakterien wie Enterokokken, Vit. C-Einnahme oder Urinkontakt in der Harnblase <4 h.







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Literatur

Neymeyer, J (Ed.)
Kompendium der Urinanalyse. Urinteststreifen und Mikroskopie
Roche Diagnostics Deutschland GmbH, 2014, 1-196


 



  English Version: Urine analysis: sediment and dipstick