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Von Dirk Manski

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Tuberkulose des Harntrakts: Epidemiologie, Ursachen und Pathologie


Definition der Urogenitaltuberkulose

Die Urogenitaltuberkulose ist eine meist chronische Infektion der Urogenitalorgane mit Mycobacterium tuberculosis.

Schwindsucht:

Historischer Begriff für die fortgeschrittene Tuberkulose.

Epidemiologie der Tuberkulose des Urogenitaltraktes

Die Tuberkulose ist weltweit eine der wichtigsten Infektionskrankheiten. Nach dem WHO Global Tuberculosis Report 2025 erkrankten im Jahr 2024 weltweit schätzungsweise 10,7 Millionen Menschen an Tuberkulose und etwa 1,23 Millionen Menschen verstarben daran. Die Prävalenz der latenten (asymptomatischen) Infektion beträgt weltweit etwa 25%.

Deutschland:

Im Jahr 2024 wurden 4391 Neuerkrankungen gemeldet, Inzidenz 5,2/100.000. Mortalität 0,2/100000, davon sind 2/3 über 65 Jahre alt. Männer:Frauen 2:1. Migrationshintergrund (im Ausland geboren) ist ein starker Risikofaktor für eine Infektion mit Tbc.

Der Anteil der Urogenitaltuberkulose bei den Neuerkrankungen liegt bei 4 %. Die Prävalenz der renalen Tuberkulose in Sektionsstatistiken beträgt in Europa 0,6–0,9 %. Die Tuberkulose ist eine namentlich meldepflichtige Erkrankung.

Ätiologie der Tuberkulose des Urogenitaltraktes

Erreger der Tuberkulose:

Mycobacterium tuberculosis. Die säurefesten Stäbchen (Länge 1–2 μm) persistieren intrazellulär in Makrophagen und vermehren sich langsam.

Übertragung der Tuberkulose:

Tröpfcheninfektion der Lunge. Von den infizierten Patienten entwickeln 5–10 % innerhalb ihres Lebens eine aktive Tuberkulose, bei entsprechenden Risikofaktoren (s. u.) deutlich häufiger. 50 % der Krankheitsausbrüche entstehen innerhalb der ersten 2 Jahre.

In Entwicklungsländern spielt noch die primäre Infektion des Darmtraktes über infizierte Kuhmilch eine Rolle. Ganz selten kann eine Tuberkulose über die Haut übertragen werden (z.B. bei Autopsie, Geschlechtsverkehr).

Risikofaktoren für eine Tuberkulose:

Einwanderer, Alkoholismus, Alter, AIDS, Diabetes mellitus, Steroide, i. v. Drogenabusus, Rauchen, chronische Lungenerkrankungen (Silikose, COPD), Mangelernährung, maligne Erkrankungen, Magenresektion, Obdachlosigkeit, Gemeinschaftsunterkünfte und Gefängnisstrafe.

Pathophysiologie der Urogenitaltuberkulose

Intrazelluläre Persistenz der Tuberkulose-Bakterien:

M. tuberculosis ist ein typischer Vertreter des erfolgreichen intrazellulären Bakteriums. Die Erreger persistieren in Makrophagen. Mehrere Mechanismen schützen das Tuberkel-Bakterium vor der enzymatischen Verdauung in den Makrophagen: Unterdrückung von Sauerstoffradikalen, Unterdrückung der Phagosomansäuerung und eine wachshaltige Zellwand.

Primärkomplex der Tuberkulose:

Initiale Vermehrung der Erreger im Lungengewebe und Lymphknoten, allmählich gewinnt das Immunsystem (v. a. der zelluläre Anteil) die Kontrolle und die Erreger werden in Granulomen isoliert. Je nach Immunlage folgt nun ein subklinischer oder klinischer Verlauf.

Krankheitsprogress der Tuberkulose:

Im Rahmen von Bakteriämien können weitere Herde (minimal lesions) in der Lunge und anderen Organen entstehen, sie sind Ausgangspunkt für spätere Rezidive. Bei (passager) schlechter Immunlage kann ausgehend vom Primärkomplex oder von minimal lesions das klinische Krankheitsrezidiv entstehen.

Pathologie der Urogenitaltuberkulose

Makroskopie Urogenitaltrakt:

Minimal lesions der Tuberkulose:

Entstehen hämatogen im Rahmen des Primärkomplexes oder der Sekundärmanifestation in der Niere oder anderen Urogenitalorganen. Aus dem verkäsenden Tuberkulom entsteht ein verkalkter Bezirk. Die Immunlage entscheidet über den weiteren Verlauf.

Manifestation der Tuberkulose an den Nieren:

Mit zunehmender parenchymatöser und papillären Destruktion entstehen Kelchdeformitäten, Kelchkavernen [Abb. 2.13], Papillennekrosen, Kelchhalsstenosen und narbige Schrumpfung. Der Endzustand der Nierenmanifestation ist die Kittniere, welche fast nur noch aus verkäsender Nekrose besteht und keine Funktion mehr besitzt.

Tuberkulose und Harnleiter:

Es entstehen Strikturen, welche rasch zu einer funktionslosen Hydronephrose führen.

Manifestation der Tuberkulose an der Harnblase:

Die Tuberkulose der Harnblase entsteht sekundär durch Erregerausscheidung aus dem oberen Harntrakt. Initial finden sich ödematöse und ulzerierende Schleimhautveränderungen, später Vernarbung mit verminderter Compliance und Ausbildung einer Schrumpfblase [Abb. tuberkulöse Schrumpfblase mit Ureterstrikturen] [Abb. CT-Abdomen bei Urogenitaltuberkulose]. Distale Harnleiterstenosen und vesikoureteraler Reflux können hinzutreten.


Tuberkulöse Schrumpfblase mit Striktur der prävesikalen Ureteren beidseits. Kombinierte Untersuchung: retrograde Urethrographie nach einer Pyelographie bds. Mit freundlicher Genehmigung, Prof. Dr. R. Harzmann, Augsburg.
Abbildung tuberkulöse Schrumpfblase mit Ureterstrikturen

Befall der Samenwege durch die Tuberkulose:

Initiale Tuberkulome im Nebenhoden entstehen hämatogen, eine Nierenbeteiligung ist nicht obligat. Im Verlauf können Samenleiter, Prostata, Samenblasen und seltener der Hoden beteiligt sein. Eine Fistelbildung zur Skrotalhaut ist möglich.

Tuberkulose und Penis:

Ist selten der Ort einer Primärinfektion nach GV mit infiziertem Geschlechtspartner mit genitaler oder oraler Manifestation. Die initiale Läsion ist ein derber Knoten oder Ulkus, von einem malignen Prozess nur mit einer Biopsie oder Erregerkultur zu unterscheiden. Die sekundäre Manifestation der Tuberkulose an der Penishaut ist selten und entspricht dem Lupus vulgaris. Die Folge ist eine destruierende Penisinfektion.

Histologie der Tuberkulose:

Je nach Immunlage entstehen unterschiedliche Granulome:

Schlechte Immunlage (anerg):

Käsige Nekrose ohne Reaktion des Immunsystems.

Normale Immunlage:

Käsige Nekrose umgeben von Makrophagen (Epitheloidzellen und Langhans-Riesenzellen).

Sehr gute Immunlage (hypererg):

Epitheloidzellen und Langhans-Riesenzellen ohne zentrale Nekrose.

Klinik der Tuberkulose des Harntrakts

Urogenitaltrakt:

Klinisch stehen Miktionsstörungen, Flankenschmerzen, (Mikro-)Hämaturie, arterieller Hypertonus und Koliken im Vordergrund. Bei Nebenhodenbefall Schwellung, Schmerzen und Rötung. Weiterhin droht Infertilität. Die Manifestation der Tuberkulose am Penis ist eine Rarität und geht mit einem Ulkus (Primärinfektion) oder destruierender Entzündung (Lupus vulgaris) einher (s. o.).

Respirationstrakt:

Fieber, Husten, Nachtschweiß, Erythema nodosum, Pleurodynie, blutiges Sputum und käsige Pneumonie. Bei chronischem Verlauf: respiratorische Insuffizienz durch zunehmende Fibrose, Amyloidose und Kavernen-Karzinom. Miliar-Tuberkulose: hämatogene Generalisation bei schlechter Abwehrlage.

Bewegungsapparat:

Arthritis, Wirbelkörperbefall mit Gibbusentstehung, Psoas-Senkungsabszess mit spontaner Eröffnung über die Leiste, Osteomyelitis, Spina ventosa (Befall der Phalangen mit Auftreibung).

Weitere Organsysteme:

Durch die hämatogene Streuung kann jedes Organ Manifestationsort einer Tuberkulose sein: Perikarditis, Meningitis, Gastrointestinaltrakt mit Ileus, ....






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Literatur

Deutsche Leitlinie: https://register.awmf.org/assets/guidelines/020-019l_S2k_Tuberkulose-im-Erwachsenenalter_2023-09.pdf

G. Bonkat, R. Bartoletti, F. Bruyère, S. E. Geerlings, F. Wagenlehner, and B. Wullt, “EAU Guideline: Urological Infections.” [Online]. Available: https://uroweb.org/guidelines/urological-infections/

Figueiredo AA, Truzzi JC, Barreto AA, Siqueira EC, Lucon M, Broglio M, Anzolch KMJ, Cunha APL, Mestrinho BV, Koifman L, de Bessa J Júnior, Favorito LA. Urogenital Tuberculosis: A Narrative Review and recommendations for diagnosis and treatment. Int Braz J Urol. 2025 Mar-Apr;51(2):e20240590. doi: 10.1590/S1677-5538.IBJU.2024.0590.

R. Koch-Institut, “Tuberkulose.” [Online]. Available: https://www.rki.de/tuberkulose

  English Version: urogenital tuberculosis.

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