Urologielehrbuch.de
Grundlagen für Klinik und Praxis
Von Dirk Manski

 Sie sind hier: Startseite > Penis > Harnröhrenkarzinom des Mannes

Harnröhrenkarzinom des Mannes: Diagnose und Therapie

Das Harnröhrenkarzinom des Mannes ist ein seltener maligner Tumor der Harnröhre, das am häufigsten bei Männern über 70 Jahren auftritt (Gheiler u.a., 1998). Ein primäres Harnröhrenkarzinom ist definiert als die Erstmanifestation an der Harnröhre ohne weiteren Befall anderer Abschnitte des Harntraktes. Das sekundäre Harnröhrenkarzinom tritt als Rezidiv nach Diagnose und Therapie eines Harnblasenkarzinoms oder Karzinom des oberen Harntraktes auf. EAU Guidelines Urethral Carcinoma.

Epidemiologie

Sehr selten, jährliche Inzidenz von 0,4 pro 100000 Männer. Die Hälfte der Patienten hat zum Diagnosezeitpunkt ein fortgeschrittenes Tumorstadium.

Ätiologie des Harnröhrenkarzinoms des Mannes

Chronische Infektionen:

Infektionen durch sexuell übertragbare Krankheiten (wie HPV) sind ein Risikofaktor für das Harnröhrenkarzinom, insbesondere für das Plattenepithelkarzinom.

Harnröhrenstriktur:

24–76 % der Patienten mit Harnröhrenkarzinom hatten zuvor eine Harnröhrenstriktur.

Harnblasenkarzinom:

Nach Zystektomie entsteht bei bis zu 10 % der Patienten ein Rezidiv in der Harnröhre. Die Häufigkeit des Harnröhrenrezidives ist bei heterotoper Harnableitung höher als bei orthotoper Harnableitung.

Strahlentherapie:

Externe Radiatio oder Brachytherapie des Prostatakarzinoms gelten als Risikofaktor.

Pathologie des Harnröhrenkarzinoms des Mannes

Lokalisation:

Bulbomembranöse Urethra 60 %, penile Urethra 30 % und prostatische Urethra 10 %.

Histologie:

Das Urothelkarzinom ist am häufigsten (78%), gefolgt vom Plattenepithelkarzinom (12%) und vom Adenokarzinom (5%). Plattenepithelkarzinome finden sich vor allem distal und bulbär, das Urothelkarzinom tritt vor allem in der prostatischen Harnröhre auf. Raritäten sind maligne Melanome der Harnröhre (Rabbani, 2011).

Metastasierung:

Tumoren der vorderen Harnröhre metastasieren in die inguinalen Lymphknoten, Tumoren der hinteren Harnröhre über die obturatorischen Lymphknoten. Hämatogene Metastasen entstehen beim Plattenepithelkarzinom erst relativ spät im Krankheitsverlauf, im Gegensatz zum Urothelkarzinom.

Tumorstadien nach TNM [UICC 2017]

T: Lokales Tumorstadium (Harnröhre)

T: Lokales Tumorstadium (Urothelkarzinom der Prostata und prostatischen Harnröhre)

N: Regionärer Lymphknotenbefall

M: Fernmetastasen

G:

Grading des Adenokarzinoms oder Plattenepithelkarzinoms

G:

Grading des Urothelkarzinoms

Klinik des Harnröhrenkarzinoms des Mannes

Miktionsbeschwerden durch die subvesikale Obstruktion, urethraler blutiger Ausfluss, Harnröhrenstriktur, perinealer Schmerz, tastbarer Damm- oder Harnröhrentumor, urethrale Fistel mit Ausbildung von periurethralen Abszessen.

Diagnose des Harnröhrenkarzinoms des Mannes

Untersuchung:

Tastbare Indurationen im Verlauf der Harnröhre, am Penisschaft oder in der Prostata, vergrößerte inguinale Lymphknoten?

Labor:

Urinsediment, Urinzytologie (Sensitivität 50–80%).

Endoskopie:

Zystoskopie und Biopsie/Resektion des Tumors.

Staging:

CT-Abdomen und Becken mit Spätbildern der ableitenden Harnwege, CT-Thorax bei invasiven Tumoren (>T1). Das MRT Becken bietet bei unklarer Situation einen besseren Weichteilkontrast für die Beurteilung des lokalen Tumorstadiums. Bei V. a. Rektuminfiltration Rektoskopie und PE. Bei Knochenschmerzen oder erhöhter AP Knochenszintigraphie.

Therapie des Harnröhrenkarzinoms des Mannes

Therapie

Oberflächliche papilläre Harnröhrentumoren:

Transurethrale Resektion oder Fulguration.

Carcinoma in situ der prostatischen Urethra (Tis pu):

TURP mit adjuvanter BCG-Therapie ist eine Therapieoption, alternativ frühelektive radikale Zystektomie.

Carcinoma in situ der prostatischen Drüsengänge (Tis pd):

Das Risiko des Understaging und unvollständiger Resektion mit TURP ist hoch, eine frühelektive radikale Zystektomie ist indiziert.

Urethrales Rezidiv nach heterotoper Harnableitung:

Peniserhaltende komplette Urethrektomie über einen perinealen Zugang. Kontraindikation: fortgeschrittenes Harnröhrenkarzinom mit Invasion des Corpus cavernosum.

Distale nicht-fortgeschrittene Tumoren (T1–2):

Peniserhaltende partielle Urethrektomie. Die Harnableitung erfolgt zunächst mit einer penilen oder perinealen Urethrostomie, eine zweizeitige Rekonstruktion ist dann je nach Verlauf und Heilung möglich.

Distale fortgeschrittene Tumoren (T2–3):

Partielle Penektomie, wenn ein Sicherheitsabstand von 1 cm möglich ist.

Proximales Harnröhrenkarzinom:

Radikale Urethrektomie, Penektomie und Zystoprostatektomie. Der Erhalt des Penis ist bei nicht-fortgeschrittenen Tumoren der Prostata möglich. In allen Fällen ist nur eine heterotope Harnableitung möglich.

Lymphadenektomie:

Bei invasiven proximalen Tumoren wird die Lymphadenektomie wie beim Harnblasenkarzinom durchgeführt. Bei distalen invasiven Harnröhrenkarzinomen ist eine inguinale Lymphadenektomie notwendig.

Neoadjuvante Chemotherapie:

Studien für das Harnröhrenkarzinom liegen nicht vor. Optionen der neoadjuvanten Therapie bestehen im Analogieschluss beim Urothelkarzinom und Plattenepithelkarzinom.

Radiochemotherapie bei Plattenepithelkarzinom:

Neoadjuvante Radiochemotherapie führt zu einer hohen Ansprechrate (80 %), sodass manche Autoren auf die kurative Resektion verzichten (Kent et al., 2015). Eine adjuvante Radiochemotherapie nach kurativer Resektion von fortgeschrittenen Tumoren ist ebenfalls eine Therapieoption, insbesondere bei positivem Schnittrand oder Lymphknotenmetastasen.

Chemotherapie bei metastasiertem Harnröhrenkarzinom:

Studien für das Harnröhrenkarzinom liegen nicht vor. Die Auswahl der Chemotherapie richtet sich im Analogieschluss nach der zugrundeliegenden Histologie, siehe auch Abschnitt Chemotherapie des fortgeschrittenen Harnblasenkarzinoms.

Prognose des Harnröhrenkarzinoms des Mannes

Patienten mit lokalisiertem Tumorstadium haben eine 5-Jahresüberlebensrate von knapp 70%. Im fortgeschrittenen Tumorstadium beträgt die 5JÜR 50%, im metastasierten Stadium liegt sie bei 17% (Derksen u.a., 2013). Bei Karzinomen der vorderen Harnröhre ist die Prognose relativ gut, mit 5JÜR um 70 %. Proximal invasive Harnröhrenkarzinome haben eine sehr schlechte Prognose, Langzeitüberleben trotz radikaler Chirurgie um 25 %.

Bei Karzinomen der prostatischen Harnröhre ist die Entstehung von prognostischer Bedeutung: eine Infiltration eines Urothelkarzinoms aus der Harnblase in die Prostata bedingt eine 5JÜR von 21 % (Stadium T4), eine de-novo Entstehung des Urothelkarzinoms in der prostatischen Harnröhre geht mit einer 5JÜR von 55 % einher.




 Sachregistersuche: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z


Literatur


  English Version: Diagnosis and treatment of male urethral cancer

Urologielehrbuch.de ohne Werbung

Diese Internetseite ermöglicht mithilfe von Werbung den Volltext-Zugriff auf das aktuelle Urologielehrbuch.de. Viele Bilder sind zum Schutz von Laien verpixelt oder ausgeblendet. Regelmäßig wiederkehrende (fachkundige) Leser können die Werbebanner abschalten und Zugriff auf alle Abbildungen erhalten: Werden Sie Mitglied über die Crowdfunding-Plattform Steady und unterstützen Sie damit Urologielehrbuch.de.

Urologielehrbuch.de als Hardcover-Buch

aktuelle 18. Auflage Urologielehrbuch 2026 Aktuell, detailliert und übersichtlich: Urologielehrbuch.de wird auch als hochwertiges Hardcover-Buch veröffentlicht. Die Neuauflage 2026 bietet eine umfassende und sorgfältig erarbeitete Aktualisierung. Sämtliche Kapitel berücksichtigen aktuelle Leitlinien und neue Entwicklungen. Eine gründliche redaktionelle Bearbeitung verbesserte die Sprache und den Stil. Zahlreiche neue und lehrreiche Abbildungen bereichern die Neuauflage. Auf 40 zusätzlichen Seiten bietet die Neuauflage noch mehr fundiertes Wissen für Klinik und Praxis.
⇒ Zur Bestellung.